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Vor Ort entdeckt

Vier Orte bei Verum, die nicht sind, was sie scheinen

Von Jan Mirass · 19. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit

An einem Abend im Juli bin ich vier Fundplätze in den Wäldern um Verum in Nordschonen abgelaufen. Alle vier haben eines gemeinsam: Was man vor sich sieht, erzählt eine andere Geschichte als das, was tatsächlich passiert ist. Ein Hügel, der uralt wirkt und aus dem Jahr 1959 stammt. Ritzungen, die nach Vorgeschichte aussehen und aus den 1940ern sind. Ein Gewölbe, das man für ein Grab halten könnte und in dem Kartoffeln lagerten. Genau deshalb mag ich diese Gegend.

Smedlycke: ein Torp und seine Schmiede

Überwachsene Lichtung im Fichtenwald mit Steinen im Gras — die Reste des Torps Smedlycke
Eine Lichtung im Fichtenwald, Gras, ein paar Steine am Rand. Hier stand ein Hof.

Der erste Halt sieht nach nichts aus: eine Lichtung, Gras, ringsum Fichten. Erst wenn man den Blick auf den Boden senkt, wird daraus ein Grundriss. Das Register verzeichnet hier Smedlycke, eine Torp-Ruine von 70 mal 35 Metern — ein Kätnerhof also, kein Bauernhof, gebaut auf gepachtetem Land.

Der Hausgrund misst 11 mal 11 Meter, und mitten an der westsüdwestlichen Längsseite sitzt ein kräftiger Kaminrest. Das ist immer die Stelle, an der so eine Ruine plötzlich konkret wird: Der Schornstein stand da, wo geheizt und gekocht wurde, und er ist meist das Letzte, was von einem Holzhaus übrig bleibt.

Moosbewachsene Steinhaufen und Mauerreste unter Fichten am Torp Smedlycke
Moosüberzogene Steine, die einmal Mauern waren. Der Wald hat den Hof vollständig zurückgeholt.

Ganz im Norden, an einer Wegkreuzung, liegt ein zweites, kräftiges Fundament — nach Einschätzung des Registers eine Schmiede, teilweise in den Hang eingegraben, mit Mauerresten von einem Meter Dicke. Daher wohl auch der Name: smed ist der Schmied. Rings um den Hausgrund zieht eine einfache Steinmauer das ehemalige Ackerland ab, rund 30 mal 20 Meter. Winzig. So groß war die Existenzgrundlage einer Familie.

Schriftlich taucht der Ort schon 1682 auf, in der Zehntkommission, damals geschrieben „Smelöcke".

Rund 250 Meter weiter verzeichnet das Register noch einen Platz, den ich an diesem Abend nicht angesteuert habe und der mir seitdem keine Ruhe lässt: Korsabacken — ein Opferkasthügel ohne sichtbare Reste und ein Gedenkkreuz aus Eiche, 2,2 Meter hoch, ursprünglich im 19. Jahrhundert errichtet und seitdem erneuert. Die Überlieferung dazu ist grimmig: Ein Mann aus dem Kirchspiel Farstorp war mit einem Sack Getreide zur Skeinge-Mühle unterwegs, als ihn Eichelschweine anfielen und so zurichteten, dass er starb. Eine zweite Version sagt, ihn habe in einer stürmischen Herbstnacht eine stürzende Kiefer erschlagen. Zwei Fassungen desselben Todes — und ein Kreuz, das beim nächsten Mal ganz oben auf meiner Liste steht.

Das Massengrab von Verum

Flechtenbedeckter Granit-Gedenkstein mit der Inschrift MASSGRAV PÅTRÄFFAD 1959
Der Gedenkstein: „MASSGRAV — PÅTRÄFFAD 1959 — SANNOLIKT HÄRRÖRANDE FRÅN SNAPPHANETIDEN".

Der zweite Halt ist der, an dem es still wird. Auf einem flachen Hügel steht ein Granitstein, 1,1 Meter hoch, dicht mit Flechten bewachsen. Die Inschrift ist noch gut zu lesen:

MASSGRAV
PÅTRÄFFAD 1959
SANNOLIKT HÄRRÖRANDE
FRÅN SNAPPHANETIDEN

V. GÖINGE HEMBYGDSFÖRENING
RESTE STENEN

Auf Deutsch: Massengrab, gefunden 1959, wahrscheinlich aus der Snapphane-Zeit. Der Heimatverein West-Göinge setzte den Stein.

Was 1959 passierte, steht im Register: Bei einem Kiesabbau stieß man auf das Grab. Eine oberflächliche archäologische Untersuchung stellte eine vierseitige Grube fest, etwa 2,5 mal 2 Meter, mit mindestens fünf Individuen. Dazu fanden sich zwei Bronzehaken — von denen es im Register lakonisch heißt, sie seien offenbar nicht aufbewahrt worden. Anschließend wurde über der Fundstelle der Hügel aufgeschüttet, sechs Meter im Durchmesser und einen Meter hoch, und der Stein daraufgesetzt.

Das ist der erste Trugschluss dieses Abends: Der Hügel sieht aus wie ein Grabhügel aus grauer Vorzeit. Er ist von 1959. Nicht das Grab ist jung — die Verpackung ist es.

Und die Datierung? Der Stein sagt selbst sannolikt — wahrscheinlich. Das ist die Einschätzung eines Heimatvereins, kein gesicherter Befund. Sie liegt aber nahe, denn die Gegend hat eine passende Geschichte: Nach dem Frieden von Roskilde 1658 fiel Schonen von Dänemark an Schweden, und während des Schonischen Krieges leisteten hier Snapphanar Widerstand gegen die schwedische Herrschaft — Freischärler, gegen die mit großer Härte vorgegangen wurde.

Wie nah das war, zeigt die Kirche von Verum gut einen halben Kilometer weiter. Dort wurde 1677 auf dem Kirchhügel eine Rede gehalten, nach der mehrere Bauern eine Treueerklärung an den schwedischen König unterschrieben. Fünf Gehminuten zwischen einem Massengrab und dem Ort, an dem man Loyalität unterschrieb.

Ein Nachsatz, der so gar nicht dazu passen will und trotzdem wahr ist: In genau dieser Dorfkirche heirateten am 6. Juli 1971 Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus — zwei Viertel von ABBA.

Die Ritzungen, die älter wirken, als sie sind

Findling mit eingeritztem Schriftzug JESUS und einem tafelartigen Motiv, teilweise von Moos überzogen
Einer der Blöcke: der Schriftzug „JESUS" und ein tafelartiges Motiv, halb von Moos überwachsen.

Ein paar Kilometer weiter, in einem Waldstück, liegen auf einer Fläche von etwa 30 mal 20 Metern rund 15 Findlinge mit Ritzungen. Moos wächst in den Rillen, die Kanten sind weich, die Motive wirken archaisch. Wer hier steht, denkt unwillkürlich: Das muss alt sein.

Großer Findling mit schwach erkennbaren eingeritzten Linien, in den Rillen wächst Moos
Auf anderen Blöcken sind die Linien nur noch zu erahnen — das Moos hat die Rillen erobert.

Und genau hier lohnt sich der Blick ins Kleingedruckte. Der Fundplatz ist im Register als „Ristning, medeltid/historisk tid" geführt — übersetzt „Ritzung, Mittelalter/historische Zeit". Das klingt nach einer Datierung, ist aber keine: Es ist der Typname einer Kategorie, die alle Ritzungen von Höfen, Katen und Almen umfasst, vom Mittelalter bis in die Neuzeit.

Die eigentliche Auskunft steht in der Beschreibung — und die ist deutlich: „Sentida ristningar", neuzeitliche Ritzungen, rund 15 an der Zahl, angefertigt in den 1940er Jahren von Bernhard Hillerström. Bestätigt wird das durch die amtliche Einstufung: Der Platz gilt als „övrig kulturhistorisk lämning" und nicht als geschützte fornlämning — und geschützt wäre er nur, wenn die Ritzungen vor 1850 entstanden wären.

Wer Bernhard Hillerström war, habe ich nicht herausfinden können. In den Künstlerlexika taucht er nicht auf, in den regionalen Quellen auch nicht. Offenbar jemand von hier, der in den 1940ern über längere Zeit Steine im Wald bearbeitet hat — darunter, wie das Foto zeigt, mit religiösen Motiven. Von Täuschung steht nirgends etwas; es gibt keinen Hinweis, dass er etwas Altes vortäuschen wollte. Die Zeit hat das ganz von allein besorgt: 80 Jahre Moos und Wetter genügen, damit frische Ritzungen uralt aussehen.

Sjötorp: der Keller von 1638

Der letzte Halt liegt nur gut hundert Meter von den Ritzungen entfernt und ist mein Favorit des Abends.

Grasbewachsene Lichtung mit einer Linie aus Steinen — Hausgrund der alten Hofstelle Sjötorp
Eine Steinlinie im Gras: der Hausgrund, 22 mal 7 Meter. Rechts ein abgestorbener Baum.

Hier lag Sjötorpets gamla tomt, eine Hofstelle von etwa 90 mal 50 Metern. Im Gras zeichnet sich der Hausgrund ab, 22 mal 7 Meter, aus Steinen von 30 bis 70 Zentimetern, wieder mit einem Kaminrest. Der älteste schriftliche Beleg des Namens stammt laut Ortsnamenregister aus dem Jahr 1638.

Dunkler Eingang eines alten Erdkellers, gefasst von Trockenmauerwerk mit schwerem Türsturz
Im Südosten der Hofstelle: der Zugang zum Erdkeller, gefasst von Trockenmauerwerk mit schwerem Sturzstein.

Im Südosten steht der eigentliche Grund, warum ich hergefahren bin. Das Register nennt ihn beiläufig „einen kräftigen Erdkeller" — jordkällare. Was da im Hang steckt, ist ein dunkler Zugang, links und rechts von Trockenmauerwerk gefasst, überspannt von einem schweren Sturzstein, über den Moos und Birkenzweige hängen.

Innenraum eines Erdkellers aus sorgfältig geschichtetem Trockenmauerwerk
Innen: sorgfältig geschichtetes Trockenmauerwerk, ohne Mörtel, seit rund 200 Jahren tragfähig.

Und innen wird klar, was für ein Handwerk das war. Flache Steine, sauber auf Lage geschichtet, ohne einen Tropfen Mörtel, die Wände leicht nach innen gezogen, damit sie sich gegenseitig tragen. Das Ding steht seit Generationen, während vom Wohnhaus daneben nur noch eine Steinlinie im Gras geblieben ist.

Der zweite Trugschluss also, und der schönste: Man steht vor etwas, das aussieht wie eine Grabkammer — und ist in einem Vorratskeller. Hier lagen Kartoffeln, Rüben, eingelegtes Zeug, frostfrei im Winter, kühl im Sommer. Kein Kult, keine Toten. Nur Menschen, die den Winter überstehen mussten.

Warum ausgerechnet solche Orte

Vier Fundplätze an einem Abend, und keiner davon ist ausgeschildert. Kein Parkplatz, kein Wanderweg, keine Tafel. Wer hier spazieren geht, sieht eine Lichtung, ein paar Steine, einen Hügel und ein Loch im Hang.

Das Werkzeug, das daraus einen Abend voller Geschichten macht, ist eine Karte, die diese Punkte kennt. Dafür nutze ich die PrimeMap-App: Sie zeigt Torp-Ruinen, Gedenksteine, Ritzungen und Gräber als eigene Pins — mit der Originalbeschreibung aus dem schwedischen Denkmalregister, übersetzt in deine Sprache. Und wie die Ritzungen von Verum zeigen, lohnt es sich, danach noch einmal genauer hinzusehen: Der Typname eines Fundplatzes ist nicht dasselbe wie sein Alter.

Wie weit man dabei kommen kann, steht in der Geschichte nebenan: Ein paar Kilometer südlich habe ich ein Holzkreuz mit nur drei Buchstaben gefunden — und im Kirchenbuch das Mädchen wiedergefunden, für das es steht. Auch sie starb, wie der Mann von Korsabacken, unter einem fallenden Baum.

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Quellen: Riksantikvarieämbetet (Fornsök) — Smedlycke und Korsabacken (Farstorps sn), Minnesmärke/Begravningsplats Verum, Ristning L1990:7123 (RAÄ-Nr. Verum 5:1) sowie Sjötorpets gamla tomt · RAÄ, Definition des Lämningstyps „Ristning, medeltid/historisk tid" · Wikipedia zu Verums kyrka · eigene Fotos vom 18. Juli 2026.

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